Fins – Fluch oder Segen? (Teil 1)

FINIS-Floating-Fins_Teaser(bas/CvD) Mal ganz ehrlich … da steckt schon eine ordentlich große Portion Spaß im Schwimmen mit Flossen oder ihren kürzeren Verwandten, den Fins. Vermitteln sie doch ein wunderbares, für manche auch seltenes Gefühl der Schnelligkeit und Leichtigkeit im Wasser. Irgendwie geht alles einfacher, oft auch eleganter und weniger anstrengend. Halt … hier genau liegt der Knackpunkt … der Spaß daran sollte nicht dazu verleiten, in allen Phasen des Trainings zu Flossen oder Fins zu greifen. Bewusst eingesetzt sind sie jedoch ein hervorragendes Trainingshilfsmittel.

Vom Schlepp- zum Turbo-Beinschlag

Das Training der Beinarbeit hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte sehr geändert. Speziell die Mittel- und Langstreckler legten in der Vergangenheit selten großen Wert auf einen starken Beinschlag. Ein Schlepp- bzw. Zweierbeinschlag war auf den Freistilstrecken ab 400 m aufwärts gang und gäbe. Eine damals häufig zu hörende Begründung: Durch einen intensiveren Beinschlag befürchtete man im Vergleich zum Antriebsnutzen einen zu hohen Sauerstoffverbrauch durch die vermehrte Arbeit der großen Beinmuskeln. Wobei hier aber nun auch kein falscher Eindruck entstehen soll. Denn bereits Schwimmtrainer-Legende Counsilman (1) betonte in den 1970er Jahren, dass aus der Tatsache, dass der „Beinschlag beim Kraulschwimmen als Stabilisator und Neutralisator benutzt wird und nicht als Antriebskraft dient,“ keineswegs folge, dass „ im Training weniger Nachdruck auf die Konditionsarbeit der Beine gelegt werden sollte. […] Wenn die Beine keine gute Kondition haben, ermüden sie und werden ihrer Stabilisierungsrolle nicht gerecht.“

Heute sehen wir Schwimmer, die selbst auf 800 m und 1500 m einen enorm starken Beinschlag praktizieren. Ein starker Beinschlag ist nicht nur wichtig, um im Rennen vor, während und nach einer Tempodrosselung Zugzahl wie auch -frequenz gleich zu halten, sondern kann außerdem ein entscheidendes renntaktisches Mittel sein – zum Beispiel zur Einleitung einer für den Gegner überraschenden Tempoverschärfung. Dafür braucht‘s jedoch gut trainierte Beine. Und nicht jeder halbwegs fitte Schwimmer hat solche gut trainierten Beine.


Beintraining – bitte mit Köpfchen

Das Beintraining sollte ungeachtet der Intensität des jeweiligen Sets immer eines „auf Zeit“ sein. So wird die Aufmerksamkeit des Schwimmers auf das was er tut erhöht. Die Pausenintervalle bestimmen die Intensität des Sets. Als Trainer sollte man im Übrigen auch ein Auge darauf haben, dass die Schwimmer ihr Kickboard nicht nur vor sich herschieben, sondern wirklich mit den Beinen arbeiten. Selbst bei Sets mit geringer Belastungsintensitäten sollte sich der Schwimmer auf Technik und Bewegungsablauf konzentrieren anstatt das Beintraining zu einem willkommenen Plausch mit seinem Trainingspartner zu nutzen – auch wenn‘s schwer fällt 😉


Beintraining mit Fins – ja, aber nicht mehr als 50% vom Gesamtbeintraining

Kommen wir zurück zu den beliebten Fins. Die einen schwören auf ihren Einsatz, die anderen halten gar nichts davon. Wie so häufig ist wohl auch hier die goldene Mitte das „richtige“ Maß. Fins eignen sich beispielsweise gut für Intervalle mit nur kurzen Pausen und für das Sprinttraining, ein Sprinter braucht auf jeden Fall einen starken Beinschlag. Trotzdem aber sollte der Einsatz dieser Trainingshilfen dosiert geschehen und laut Sweetenham und Atkinson (2) 50 % des Gesamtanteils des Beintrainings nicht übersteigen.


Leistungsverbesserung der Beinarbeit durch Fins?

Eine sehr kontrovers diskutierte Frage ist jene, ob das Training mit Fins tatsächlich die Leistung der Beinarbeit des Schwimmers verbessert. Sweetenham und Atkinson glauben, dass das Schwimmen mit Fins unterstützend auf die Stabilität im Oberkörper wirkt und weniger zur Leistungsverbesserung der eigentlichen Beinarbeit beiträgt (wie schon Counsilman es vertrat). Beide räumen im Sinne einer Leistungssteigerung einem Beinarbeitstraining gegen erhöhten Widerstand (Resisted-Training) höhere Erfolgsaussichten ein (Beispiel Dragshorts, Dragbelt, Beinarbeit gegen ein senkrecht ins Wasser gehaltenes Kickboard etc.). Sie schlagen daher vor, solche Widerstandseinheiten ins Beintrainingsprogramm einzubauen und Fins für das Sprint- bzw. Schnelligkeitstraining zu nutzen. Ihr Resumee: Fins ermöglichen es dem Schwimmer einen längere Strecke in kürzerer Zeit zu schwimmen, wobei sie – die Fins –aber den Nachweis, dass durch sie die Beinarbeit leistungsfähiger wird schuldig bleiben.


Technik- und Sprinttraining – eine Sache für und mit Fins

Also eher keine Fins? Das lässt sich so einfach auch wieder nicht beantworten. Wie bereits angeführt, dort wo es passt und nutzt, haben Fins ihre absolute Berechtigung – vom Techniktraining bis hin zum Sprinttraining.


Sprint-Assisted Training

Maglischo (3) beschreibt in Swimming Fastest beispielsweise die positive Auswirkung eines Sprint-Assisted Trainings (Sprinttraining unterstützt durch Hilfsmittel wie Paddels oder auch Fins) auf die Entwicklung der Schnell- bzw. Sprintkraft des Schwimmers.

Rowe, Maglischo und Lytle (4) schickten dazu 2 Gruppen ins Rennen: Beide Gruppen unterzogen sich einem 8-wöchigen klassischen Mix aus Ausdauer- und Sprinttraining, wobei die Testgruppe Teile des Sprinttrainings mit Fins und der Aufgabe die entsprechenden 25er-Einheiten schneller als ihre Bestzeit zu schwimmen trainierte. Nach Abschluss des Experiments wurden von allen Schwimmern die 25-yd-Freistilsprintzeit gemessen. War die Verbesserung beider Gruppen aufgrund des Sprinttrainigs grundsätzlich erwartet, so überraschte doch der Unterschied. Die Kontrollgruppe (ohne Fins) verbesserte ihre 25-y-Bestzeit im Schnitt um 0,12 Sekunden, während jene, die mit Fins trainiert hatten, sich im Schnitt um 0,53 Sekunden verbesserte!

Das Resultat ließ den Schluss zu, dass ein Sprinttraining schneller als Wettkampfgeschwindigkeit mit Unterstützung (hier Fins) die Sprintschnelligkeit stärker verbessert als ein traditionelles Sprinttraning ohne unterstützende Hilfsmittel. Positiver Nebeneffekt: Ein Sprint-Assisted-Training hat den Vorteil, dass die Zugfrequenz und die Schwimmtechnik nicht bzw. kaum beeinträchtigt werden.


Techniktraining

Desweiteren sieht Maglischo im Einsatz von Fins eine exzellente Möglichkeit, Schwimmer für den korrekten Bewegungsablauf des Kraulwechselbeinschlags zu sensibilisieren. Das Schwimmen mit Fins minimiert die Tendenz vieler Schwimmer beim Aufwärtsschlag zu stark im Knie zu beugen und andererseits durch einen zu starken Ausschlag der Abwärtsbewegung mit einer zu großen Amplitude zu arbeiten. Ähnlich positiv sieht er den Einsatz von Fins beim Techniktraining für das Rücken- und das Schmetterlingsschwimmen.

So profitiert also nicht nur der Kraulschwimmer von einem Training mit Fins: Zur Entwicklung des in allen Techniken angewendeten Unterwasser-Delfinkicks (ja, auch beim Brustschwimmen – siehe Unterwasserzug) sind Fins ein weiteres äußerst produktives und interessantes Hilfsmittel. Sie helfen, die für den Delfinkick typische schlängelnde Wellenbewegung zu perfektionieren.


Und noch etwas kann für das Schwimmen mit Fins sprechen:

• Anfängern fällt das Erlernen der korrekten Technik meist leichter, wenn sie ihre Beinarbeit und somit die Gesamtwasserlage mittels Fins unterstützen können. Es hilft ihnen, sich auf die Technik anstatt aufs „Überleben“ zu konzentrieren.

• Längere Strecken in ruhigem Tempo mit Fins geschwommen sind ein hervorragendes Regenerationsausdauertraining, helfen trainingsmüden Schwimmern oder solchen, die mit Schulterproblemen kämpfen, ihren Focus auf die Technik zu halten = Beibehalten einer stromlinienförmigen Körperlage mit möglichst wenig Wasserwiderstand.

1 Counsilman, J.E.1975. Schwimmen. Limpert Verlag, Frankfurt am Main
2 Sweatenham, Bill, Atkinson, J.D. 2003. Championship Swim Training.Human Kinetics
3 Maglischo, E.W. 2003. Swimming Fastest. Human Kinetics
4 Rowe, E., Maglischo, E.W., and Lytle, D.E. 1977. The use of swim fins for the developement of sprint swimming speed. Swimming Technique 14:73–76

Bildnachweis
© FINIS, INC

Fortsetzung Teil 2

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