Leistungsfähigkeit im Alter von Dr. med. Julia Kleinhenz

Noch vor wenigen Jahren hielt man den menschlichen Körper nur für kurze Zeit leistungsfähig. Schon ab einem Alter von 30 Jahren setze unaufhaltsam der Leistungsverlust ein. Deshalb versuchte man schon Kleinkinder auf den Leistungssport vorzubereiten, wer erst mit 13 Jahren anfange, sei schon zu alt. Mittlerweile haben so großartige Sportler wie zum Beispiel Dara Torres gezeigt, dass Alter kein alleiniges Kriterium für Erfolg sein kann. Sie schwamm 2008 in Peking ihren fünften Olympischen Spielen und trumpfte mit über 40 Lebensjahren mit persönlichen Bestzeiten auf.

Alterungsprozesse durch Inaktivität

Viele frühere Dogmen bröckeln, denn moderne Forschungen haben gezeigt, dass der Mensch wesentlich anpassungsfähiger ist, als geglaubt. Während man früher eine zu große Belastung der Gelenke für die Ursache von Arthrosen hielt („Abnutzung“ der Gelenkflächen), geht man heute davon aus, dass eher ein Zuwenig an Bewegung die Verformung der Gelenke verursacht. Alterungsprozesse sind vor allem durch Inaktivität bedingt, nicht durch das Alter selbst. Selbst degenerative Prozesse lassen sich durch Aktivität verhindern1.  Eine regelmäßige sportliche Betätigung lässt zum Beispiel die Sterblichkeit genauso stark sinken, wie der Verzicht auf Zigaretten2.

Bewegung beeinflusst den Hormonspiegel?

Interessant ist zudem ein Blick auf den Hormonstatus. So glaubte man bisher, dass im Alter Maximalkraft und Leistungsfähigkeit sänken, weil das wichtige Hormon Testosteron im Alter abnehme. Die Forschungen von Copeland et al.  und Ravaglia et al. zeigen jedoch, dass sowohl bei Männern als auch bei Frauen die Hormonspiegel durch Krafttraining ansteigen, unabhängig vom Alter3,4. Sind höhere Hormonspiegel in der Jugend also nur das Resultat von mehr Bewegung?

Leistungseinbußen im Alter primär verursacht durch Bewegungsmangel

Bevor wir nun aber denken, wir würden durch regelmäßiges Schwimmen unsterblich:  Irgendwann im Alter setzt trotzdem ein gewisser Leistungsverlust ein. Die Kölner Forscher Leyk und Mitarbeiter, der Deutschen Sporthochschule Köln, sind dieser Frage in einer groß angelegten Studie von Marathonläufern nachgegangen. Ihr Fazit nach der Auswertung von mehr als 900 000 Laufzeiten von 20- bis 79-jährigen Marathon-/Halbmarathonteilnehmern:

„Vor dem 55. Lebensjahr treten keine signifikanten Leistungsminderungen auf. Die Leistungsverluste der Senioren fallen zudem gering aus: 25 % der 65- bis 69-jährigen Ausdauertrainierten sind sogar schneller als 50 % der 20- bis 54-jährigen Langstreckenläufer. Die Befragungen zeigen weiter, dass über 25 % der 50- bis 69-Jährigen erst in den letzten fünf Jahren mit ihrem Lauftraining begonnen haben. Die Schlussfolgerung: Leistungseinbußen im mittleren Lebensalter sind primär auf eine inaktive Lebensweise, nicht aber auf biologische Alterung zurückzuführen. Der hohe Anteil von Sport-Neueinsteigern im Seniorenalter zeigt zudem, dass auch ältere Nichtsportler durch regelmäßiges Training bemerkenswerte Leistungen erzielen können“5.

Rekorde im Vergleich

Aber, so wird manch einer einwenden, die Altersklassenrekorde der Älteren sind doch viel langsamer als die der Jüngeren (siehe Abbildung 1). In der Tat sind die aktuellen Rekorde der über 50-jährigen geringfügig langsamer als die der Jüngeren. Allerdings haben sich auch die Weltrekorde der gleichen Strecke in den vergangenen 90 Jahren verändert (Abbildung 2).

Abb.1: Altersklassenrekorde 100 m Freistil Männer; Quelle: http://www.fina.org/project/docs/masters/rec_LC_nov09.pdf

 

Abb. 2: Die Jahreszahlen sind hier seitenverkehrt aufgetragen, um die Vergleichbarkeit der Kurve mit der Altersklassenkurve zu gewährleisten. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Schwimmweltrekorde_%C3%BCber_100_Meter_Freistil

 

Vergleicht man nun die heutigen Rekorde der 45-jährigen mit den Weltrekorden vor 45 Jahren, so sieht man kaum noch einen Unterschied. Der aktuelle Weltrekord über 100 m Freistil der Männer für die AK 45 beträgt 0:53,77,  im Jahr 1965 (vor 45 Jahren) stand der Weltrekord in der offenen Klasse der Männer über die gleiche Strecke bei 0:52,9.

Um eine Aussage über nachlassenden Leistungsfähigkeit im Alter zu erhalten, darf man nicht die heute Jungen mit den heute Älteren vergleichen, sondern muss eine Altersgruppe (Kohorte) über Jahre hinweg beobachten. In diesem Sinne werden wir in den nächsten Jahren wohl noch viele Weltrekorde bei den Masters purzeln sehen! Ich freue mich drauf!


1 Maharam LG et al.
Masters athletes: factors affecting performance.
Sports Med. 1999 Oct;28(4):273-85.
2 Byberg L et al.
Total mortality after changes in leisure time physical activity in 50 year old men: 35 year follow-up of population based cohort. Br J Sports Med. 2009 Jul;43(7):482.
3 Copeland JL, Consitt LA, Tremblay MS.
Hormonal responses to endurance and resistance exercise in females aged 19-69 years.
J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2002 Apr;57(4):B158-65.
4 Ravaglia G, Forti P, Maioli F, Pratelli L, Vettori C, Bastagli L, Mariani E, Facchini A, Cucinotta D.
Regular moderate intensity physical activity and blood concentrations of endogenous anabolic hormones and thyroid hormones in aging men.
Mech Ageing Dev. 2001 Feb;122(2):191-203.
5 Leyk D, Rüther T, Wunderlich M, et al.: Physical performance in middle age and old age: good news for our sedentary and aging society. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(46): 809–16.

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