Wende im Fall Crippen: FINA veröffentlicht nun doch den Bericht der Task Force zu Fran Crippens Tod beim letzten Weltcup-Rennen der 10K-Serie am 23.10.21010 in Fujairah

Überraschend gründlich und detailliert

(CvD) Zu groß war der Druck der Schwimmwelt. Zu schwer lasteten die Vorwürfe. Zu heftig waren die Beschwerden aus den Reihen der Aktiven, Trainer und Kommissionäre der internationalen Freiwasserszene – an deren Spitze die parallel zur FINA-Kommission eingesetzte Task Force des US-Schwimmverbandes unter Leitung von Dick Pound und der Weltverband der Schwimmtrainer (WSCA) – an die Adresse der FINA-Führung. Am 15. April 2011 veröffentlichte der in den letzten Wochen und Tagen immer stärker unter Beschuss geratene Schwimm-Weltverband endlich die Untersuchungsergebnisse der dafür eigens von der FINA installierten Task Force.

Und das überraschend gründlich, informativ und detailliert, nachdem der Bericht zunächst zur „Überarbeitung“ an die Task Force zurückgeleitet wurde und man die Veröffentlichung der Revision für den 22. Juli avisierte. Zur Erinnerung: Dieses Wochenende startete die diesjährige Auflage der FINA 10K-Serie der Freiwasser-Schwimmer im brasilianischen Santos. Ziel der Task Force war es unter anderem bis zum Auftakt der 2011er Freiwasser-Rennen die Untersuchungen zum Tod Fran Crippens abgeschlossen zu haben, um dann, die daraus resultierenden möglichen Konsequenzen zur Sicherheit der Athleten umsetzen zu können.

Trotz erheblicher Bedenken und vieler Vorwürfe gegenüber der FINA und ihren Bericht, der die Ereignisse rund um Fran Crippens Tod beschreibt, ist die nun publizierte Fassung bemerkenswert ausführlich und umfassend. Auch wenn in ihm (lt. WSCA) auf Anhänge verwiesen wird, die man in der Veröffentlichung selbst vergeblich sucht. Die subjektiv wichtigsten Punkte hier kurz zusammengefasst:

Die Kommission konnte nicht mit letztendgültiger Sicherheit feststellen, dass Crippen als Folge der laxen Sicherheitsvorkehrungen zu Tode kam – sie schloss es aber auch nicht aus. Man verweist auf ärztliche Gutachten, die zum Beispiel ein Belastungsasthma Crippens bescheinigten und darauf, dass man aufgrund mangelnder medizinischer Befunde keine klare Aussage zu seinem damaligen kardiologischen Gesundheitszustand treffen könne. Wobei die von Familie Crippen veranlasste Autopsie Fran Crippens zu diesem Ergebnis kam: Fran soll sich zum Zeitpunkt des Unglücks in einem exzellent trainierten Zustand befunden haben.

Als Todesursache kommt laut FINA Task Force aller Wahrscheinlichkeit nach am ehesten eine Kombination mehrerer Faktoren in Betracht: Erschöpfung und Müdigkeit, hohe Luft- wie auch Wassertemperaturen sowie Dehydrierung mit der Folge von Hitzschlag, Bewusstlosigkeit und Ertrinken.

Weiterhin führt die FINA-Kommission einige Wettkämpfer und Trainer auf, die beobachtet hätten, dass Crippen während des Rennens nicht in bester Verfassung gewesen sein soll und die es im Nachhinein bitter bereuten, nicht zeitig genug eingegriffen zu haben. Unabhängig von der Unglücksursache und einer eventuell bereits bestehenden medizinischen Disposition Crippens erklärt die Task Force jedoch, dass die in Fujairah herrschenden Sicherheitsbedingungen keinesfalls dem Standard genügt hätten, die die Sicherheit der Schwimmer hätte gewährleisten können.

Der sehr ausführliche, achtteilige Bericht arbeitet deutlich heraus, dass der Rahmen für entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zwar bereits im FINA-Regelwerk verankert ist, das Regelwerk selbst hingegen noch zu viel Raum für Interpretation und Abweichung zulässt sowie zu viele Schlupflöcher erlaubt, mit denen Veranstalter Sicherheitsvorschriften umgehen bzw. zumindest beschneiden können.

Der Bericht beschreibt zudem die Umstände, über die wir zwar schon viel gehört haben, aber nie wirklich etwas über die eigentlichen Details. Ursprünglich war Dubai als Veranstaltungsort des Finales der Weltcupserie geplant, doch aufgrund finanzieller und logistischer Schwierigkeiten wurde der Veranstaltungsort 2 Tage vor dem Wettkampf auf Wunsch der Organisatoren verlegt. Fujairah, schien der geeignete Platz und allem gerecht zu werden. Die Task Force kommt allerdings zu einem ganz anderem Ergebnis: Der Veranstaltungsort war für alle neu, ob Athleten, Trainer, Schiedsrichter oder Offizielle und die Vorbereitungszeit erheblich (!) zu kurz, als dass man allen Punkten in Sachen Sicherheit, Sorgfaltspflicht und entsprechenden Briefings gerecht hätte werden können.

Das bittere Urteil der Task Force:

  • Es lagen eklatante Mängel hinsichtlich eines effektiven Sicherheitssystems und wirksamen Monitorings der Wettkämpfer vor.
  • Es existierte kein wirksames Überwachungssystem, um bei Bedarf, in Not geratenen Schwimmern schnell zur Hilfe kommen zu können.
  • Es existierte kein Notfallplan im Sinne einer koordinierten Such-und Rettungsaktion für den Fall, dass ein Schwimmer vermisst würde.
  • Es lagen grundsätzliche Autoritätsmängel des Technischen Delegierten der FINA* vor.

*Anm.: Valerius Belovas (Litauen), Mitglied der Technischen Open Water Kommission (TOWSC) der FINA , war erst wenige Wochen zuvor von der FINA als Ersatz für den eigentlich vorgesehenen britischen Kollegen Samuel Greetham zum Technischen Delegierten berufen worden und wurde bis dato als einer der führenden Freiwasser-Schiedsrichter gehandelt. In einer ersten Maßnahmen-Aktion im Crippen-Fall hatte die FINA Anfang Februar 2011 Belovas vom Dienst suspendiert.

Geradezu fatal wirkt in diesem Zusammenhang der letzte Absatz auf Seite 15 im Crippen-Bericht Teil 5:
Bereits 2009 informierte Samuel Greetham in seinem Abschlussbericht über das damalige Freiwasser-Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten über unzureichend qualifizierte Offizielle, die fehlende Ernennung eines Sicherheitsoffiziers und einer nicht ausreichenden Anzahl an Begleitbooten. Desweiteren informierte er die Task Force, dass er keine Kenntnis darüber habe, ob es irgendwelche Nachuntersuchungen dazu gegeben hätte. Weitere Mitglieder der TOWSC bestätigten die Kenntnis dieses Berichts und dass es keine (!) Nachuntersuchungen dazu gegeben hatte.

Die Kommission gibt außerdem eindeutige Empfehlungen für die Zukunft – dies ist dann eigentlich auch der am weitreichendste und wichtigste Teil des Berichts. Der Maßnahmenkatalog ist lang und geht alle Bereiche an. Mit am bedeutsamsten scheint fast die Empfehlung zur Wassertemperatur. Und hier fordert die Task Force der FINA noch strengere Grenzwerte als die Untersuchungskommission des US-amerikanischen Schwimmverbandes: Die zulässigen Temperaturen sollen demnach zwischen 18 °C und 28 °C liegen im Vergleich zu den von der US Task Force geforderten 16 °C Minimum und 31 °C Maximum.

Der gesamte, wirklich interessante und teilweise ernüchternde oder viel mehr erschütternde Bericht kann hier gelesen werden.

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