Bundesweiter Masterplan für Deutschlands Bäder

(CvD/bas) Es ist fünf vor zwölf bzw. eigentlich ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Mehr als 50 Prozent aller öffentlichen Schwimmbäder in Deutschland sind sanierungsbedürftig. Seit Jahren ist dies bekannt – getan wurde bisher nichts – bzw. nicht viel. Und wenn, läuft’s nur allzu oft in die verkehrte Richtung. Öffentliche Bäder werden reihenweise geschlossen oder es wird so lange gewartet bis auch eine Sanierung nicht mehr möglich ist. Schulen und Vereine stehen in der Folge ohne die nötigen „Wasserflächen“ da, das Schul- und Vereinsschwimmen fällt aus. Das Ergebnis: Bereits jedes zweite Kind im Grundschulalter kann nicht richtig schwimmen.

„Es kann nicht sein, dass reiche Städte in Spaß- und Wellness-Bäder investieren und arme Städte dringend notwendige Funktionsbäder schließen. Es muss sichergestellt werden, dass nicht nur die Mittel bereitgestellt werden, um die Bäder zu bauen oder zu sanieren; es muss die Finanzierung über den gesamten Lebenszyklus gesichert werden. Bäder, die für die Daseinsvorsorge gebaut werden, müssen auch über ihre gesamte Lebensdauer bei den Betriebskosten bezuschusst werden und bezuschusst werden können, sonst können sie ihre Aufgaben nicht erfüllen“, sagte der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Fritz  Schramma, Sprecher der „Bäderallianz Deutschland“

„Masterplan“ für Deutschlands Bäder

Führende Verbänder und Institutionen des Badewesens und Schwimmens in Deutschland sowie die DLRG und einige mehr haben sich Anfang des Jahres 2017 Angesichts der mehr als miserablen Lage zu einer „Bäderallianz“ zusammengeschlossen. Ziel ist die Entwicklung eines „Masterplans“ mit dessen Hilfe es zu einer entscheidenden Verbesserung der deutschen Bäderlandschaft kommen soll. Mehr über das Memorandum der Bäderallianz gibt es hier.

Die DOSB Presse veröffentlichte zum Thema einen interessanten Kommentar des Sportwissenschaftlers Prof. Detlev Kuhlmann, Universität Hannover:

Von der Bäderallianz zur Schwimmallianz

Anfang Januar haben Schülerinnen und Schüler einer Grundschule aus einem Vorort einer nordrhein-westfälischen Großstadt Weihnachtsbäume in der Nachbarschaft eingesammelt – gegen Kohle: Das Geld wurde dem Förderverein der Schule gespendet, der damit Materialien für den Schwimmunterricht anschaffen konnte. Ein gute Sache, möchte man hinzufügen – und: Die Schule hat ein „nur“ Luxusproblem. Hier wird Schwimmunterricht erteilt, es fehlt lediglich ein bisschen Equipment. Nicht auszudenken, wenn es andersherum wäre und die Kids für den Baueines Schwimmbades sammeln müssten.

Dabei ist es alles andere als gut bestellt um die bestehende Bäderlandschaft hierzulande. Das scheint nun aber auch in der Politik angekommen zu sein. Im Koalitionsvertrag der Berliner Landesregierung beispielsweise sind jetzt jährlich zehn Millionen Euro zur Sanierung von Bädern vorgesehen. Eine aktuelle Studie der Bergischen Universität Wuppertal und der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen kommt zu dem Ergebnis, dass 50 Prozent aller Bäder in Deutschland überholungsbedürftig sind und dafür ein Volumen von mehr als 4 Milliarden Euro notwendig ist. In ähnlicher Richtung hat sich kürzlich aus Anlass der Auszeichnung der Bundessieger des Wettbewerbs „Sterne des Sports“ in Berlin der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes geäußert und darauf verwiesen, „dass beispielsweise eine Grundfähigkeit im lebensnotwendigen Sinne wie das Schwimmen mehr und mehr in den Hintergrund gedrückt wird“.

Betriebsfähige Bäder bilden so gesehen einen Beitrag zur Daseinvorsorge. Und: Die Schwimmfähigkeit aller ist überlebenswichtig, oder wie brachte es Franziska van Almsiek einmal auf den Punkt: „Es ist wichtig zu wissen: Wenn man reinfällt, kommt man wieder an Land oder kann sich wenigstens über Wasser halten“. Schwimmen ist mehr als im Spaßbad über die Rutsche eben mal so mit Wasser in Berührung zu kommen. Schwimmen mit der Möglichkeit, sich im Wasser konstant fortzubewegen, zu gleiten und zu schweben oder gar ins Wasser zu springen und im Wasser zu tauchen ist ein „klassisches“ Kulturgut, das es zu pflegen und zu fördern gilt. Dazu gehören geeignete Räume, in denen dieses Kulturgut zur Aufführung gebracht werden kann.

Insofern ist die Initiative „Bäderallianz Deutschland“ sehr zu begrüßen, die sich neulich im Zusammenschluss mehrerer Verbände und Institutionen des Badewesens und des Schwimmens, aber auch unter Beteiligung der Sportwissenschaft in Deutschland gebildet und Eckpunkte zur nachhaltigen und effizienten Weiterentwicklung der deutschen Bäderlandschaft in Anschlag gebracht hat. Damit wird auch die Arbeit des 2010 gegründeten Aktionsbündnisses „Pro Bad“ des Deutschen Schwimm-Verbandes und der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft flankiert.

Eines sollte uns jedoch so klar sein wie das Wasser im Becken: Wir müssen hin und her schwimmen – von der Bäderallianz zur Schwimmallianz und von der Schwimmallianz zurück zur Bäderallianz.

Prof. Detlef Kuhlmann“

(aus: Kommentar zur DOSB-Presse, Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes, Nr. 9, 28. Februar 2017)

Bildnachweis
© Design 2017 BOOKS&MORE, Monika Zilliken unter Verwendung von Fotomaterial von © BilderKiste, Monika Zilliken


Advertisements